Karl-Sudhoff-Institut für Geschichte der Medizin und der Naturwissenschaften
 Universitätsmedizin Leipzig

Präparate menschlicher Herkunft in universitären Sammlungen - Workshop

Workshop-Bericht

Veranstaltung des Karl-Sudhoff-Instituts für Geschichte der Medizin und des Instituts für Anatomie der Universität Leipzig

Leipzig, 1.10.-2.10.2014

Der Workshop hatte zum Ziel, eine Kommunikation zwischen verschiedenen (hauptsächlich universitären) Sammlungen aus vorwiegend medizinischem Kontext, die sich mit dem „Problemgut" Präparate menschlicher Herkunft beschäftigen, anzubahnen. Hierzu wurden Vertreter aus anatomischen, pathologischen, rechtsmedizinischen und anthropologischen Sammlungen eingeladen.

Der erste Workshoptag richtete den Blick auf die anatomischen Sammlungen. Hier wurde vor allem der Umgang mit Präparaten aus einem sogenannten Unrechtskontext (speziell Präparate aus den Jahren 1933-1945) diskutiert. Dabei zeichneten sich zwei Wege ab - zum einen eine generelle Aussonderung und Nachbestattung der in diesem Zeitraum angefertigten Präparate, zum anderen ein offensiver Umgang mit der Problematik unter Erhaltung der Präparate. Die Thematisierung kann zum Beispiel in Form von Gedenktafeln oder separaten Texten in Ausstellungen erfolgen. Auch ist es möglich, die Präparate zwar aus dem „Schauraum" zu entfernen, sie aber für wissenschaftliche Fragestellungen weiterhin aufzubewahren. Ein vorschnelles Aussondern und Nachbestatten der Präparate nur aufgrund des Herstellungsdatums ohne Prüfung des Einzelfalls wurde von den Teilnehmern des Workshops mehrheitlich und deutlich abgelehnt.

Der zweite Tag des Workshops widmete sich den pathologischen, rechtsmedizinischen und anthropologischen Sammlungen. In der Pathologie rückt das Präparat als Lehrobjekt zusehends in den Vordergrund. Grund hierfür ist die sinkende Zahl der Sektionen. Hier entstand der Wunsch nach einem „Leitfaden" zum Anlegen neuer Sammlungen und einer Möglichkeit des Austausches von Präparaten zwischen den Sammlungen.

Eine übergreifende Frage des Workshops war der konservatorisch-restauratorische Umgang mit Präparaten. Sollen die Präparate im alten oder im neuen Licht erscheinen? Inwieweit soll ein Präparat seine historische Gestalt behalten und inwieweit ist eben jene historische Gestalt ein Trugschluss? Hier zeigte sich, dass durch die restauratorische Wiederherrichtung von Präparaten auch Fehler in der ursprünglichen Bestimmung zutage gefördert werden können: Beispielsweise erwies sich ein Rostocker Präparat, das vermeintlich tuberkulöse Organveränderungen darstellte, bei genauerer Untersuchung im Rahmen einer Restaurierung als Tumor.

Bei der Übernahme von Sammlungen anderer Disziplinen (dargestellt am Beispiel der rechtsmedizinischen Sammlung durch das Institut für Geschichte der Medizin in Leipzig) ist darauf zu achten, welche Zielsetzung die Sammlung am neuen Ort bekommen soll. Das Sammlungskonzept bestimmt - nicht nur in diesem Fall - den weiteren Umgang mit der Sammlung. Zudem stellte sich die Frage, ob nicht generell so etwas wie eine Checkliste bei der Übernahme von Sammlungen benötigt wird.

Im Bereich der Anthropologie wie auch der Anatomie erwies sich die Rückforderung von Schädeln seitens einiger Länder (Namibia, Australien, Neuseeland) als ein großes Problemfeld, weil es hierzu nur wenig Erfahrungen gibt. Vorgestellt wurde das Berliner Human Remains Project, welches die ersten Schritte bei Identifizierung und Rückgabe in diesem Bereich ging. Weitere Hilfestellungen wären wünschenswert.

Ferner wurde darauf verwiesen, dass Sammlungen nicht nur ihren bewahrenden Charakter in den Vordergrund stellen, sondern sich auch als Forschungsinfrastrukturen präsentieren sollten. Der Weg bis zu dem Punkt, als solche Infrastruktur - vergleichbar mit Archiv und Bibliothek - innerhalb der Universität wahrgenommen zu werden, ist allerdings noch lang, es lohnt aber, ihn zu beschreiten. Eine ungeklärte Frage war, wie mit objektzerstörender Forschung und Lehre umzugehen ist. Aus dinghaften Sammlungen kennt man die Variante der bewussten Unterteilung von Bewahrobjekten und Dubletten, die als „Verbrauchsgut" genutzt werden. Welche Lösung könnte sich für Präparate menschlicher Herkunft finden lassen?

Abschließend wurde eine Verstetigung eines solchen Workshops in Form von jährlichen Treffen oder eines Arbeitskreises ins Auge gefasst, bevorzugt im zeitlichen Kontext themenverwandter Veranstaltungen.

Programm des Workshops als Download (aktualisiert 24.09.14) (PDF 553 kB)

 
Letzte Änderung: 18.11.2014, 13:03 Uhr
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