Karl-Sudhoff-Institut für Geschichte der Medizin und der Naturwissenschaften
 Universitätsmedizin Leipzig

Abstracts

(Stand: 12.11.2013)

Hygiene als Leitwissenschaft im 19. Jahrhundert. Die Neuausrichtung eines Faches im Austausch zwischen Deutschland und Russland. Internationale Tagung, 7.-8. Oktober 2013, Leipzig

Volodymyr O. Abashnik

Deutsche Innovationen und Hygiene als Leitwissenschaft an der Universität Charkow (1873-1920)

In diesem Beitrag wird die Entwicklung der Hygiene als einer neuen Leitwissenschaft an der Universität Charkow von 1873 bis 1920 in drei Teilen dargestellt. Dabei stehen die entsprechenden Einflüsse der deutschen Innovationen auf dem Gebiet der Hygiene im Mittelpunkt.
Im ersten Teil werden die Anfänge der Hygiene als einer neuen Universitätsdisziplin an der Medizinischen Fakultät in Charkow von 1873 bis 1885 berücksichtigt. Dabei handelt es sich um die Lehrtätigkeit und wissenschaftliche Arbeiten von Arkadij Ivanovič Jakobij (1827-1907). Er war der Begründer des Lehrstuhls für Hygiene an der Universität Charkow, also des dritten Lehrstuhls für Hygiene (nach Kazan und Sankt Petersburg) im damaligen Russischen Reich. In Jakobijs Unterricht und Publikationen der Charkower Periode, wie „Über die Lüftungsformeln" (1877), „Die Aufgaben des Russischen Roten Kreuzes" (1880), dominierten deutsche Hygiene-Innovationen, die diesen Hygieneprofessor seit seinem Forschungsaufenthalt (1863) bei dem Münchner Hygiene-Ordinarius Max von Pettenkofer (1818-1901) prägten.
Der zweite Teil wird der Etablierung der Hygiene als einer neuen Leitwissenschaft an der Universität Charkow nach 1885 gewidmet. Dabei werden zuerst die Grundzüge der Lehrtätigkeit sowie die wichtigsten Veröffentlichungen von Irinarch Polichronievič Skvorcov (1847-1921) skizziert, der von 1885 bis 1905 Ordinarius für Hygiene an der Universität Charkow gewesen war. Dann wird auf die Arbeiten von drei weiteren Hygiene-Ordinarien in Charkow am Anfang des 20. Jahrhunderts eingegangen. Es handelt sich zuerst um Ivan Ivanovič Kijanicyn (1855-191?), der von 1905 bis 1908 den Charkower Lehrstuhl für Hygiene inne hatte und seit 1911 Ordinarius für Hygiene und Epidemiologie in Odessa war. Sein Charkower Nachfolger (von 1910 bis 1917) war Hygiene-Professor Stepan Vasiljevič Koršun (1868-1931), der von 1906 bis 1908 in den Hygiene-Labors in Breslau (bei Carl Flügge), Berlin (bei Max Rubner) und München (bei Max von Gruber) forschte. Die gewonnen Kenntnisse und Erfahrungen auf dem Gebiet der Hygiene beeinflüssten Koršuns Publikationen, Unterricht sowie dessen Schüler, darunter Jakov M. Zilber, der Koršuns Nachfolger im Charkower Lehrstuhl für Hygiene von 1918 bis 1920 war sowie anschließend bis 1922 im Charkower Medizinischen Institut tätig war.
Im dritten Teil werden praktische Aspekte der Hygieneentwicklung am Beispiel der Tätigkeit von Vladimir Vladimirovič Favr (1875-1920) gezeigt, der in den 1890er Jahren als Assistent im Hygiene-Labor an der Universität Charkow gearbeitet hat. Aus dieser Zeit stammt sein Bericht „Berliner Ausstellung zur Krankenpflege" (1899), der einen gewissen Beitrag zur Verbreitung der deutschen Hygiene-Innovationen im Russischen Reich leistete. Seit 1903 bis 1916 war Vladimir Favr Privatdozent im Charkower Lehrstuhl für Hygiene sowie seit 1906 bis 1911 Professor für „Fabrik-Hygiene" im Charkower Technologie-Institut. Die neuen Hygiene-Methoden aus Deutschland verbreitete Vladimir Favr nicht nur in seinem Unterricht und in seinen Publikationen (wie „Versuch der Malaria-Erforschung in Russland in sanitätischer Hinsicht", 1903), sondern auch während seiner aktiven Teilnahmen als Arzt bei der Bekämpfung der Epidemien in Mittelasien (1903), Odessa (1910) und anderen Regionen.
Abschließend wird noch auf die entsprechenden Einflüsse der deutschen Hygiene-Periodika eingegangen. Dabei wird die These vertreten, dass zur Verbreitung der Hygiene als einer neuen Leitwissenschaft auch hygienische Zeitschriften aus Deutschland beitrugen, die in der Charkower Universitätsbibliothek vorhanden waren, wie „Archiv für Hygiene" (München u. Leipzig bzw. Berlin, 1883-1928), „Archiv für soziale Medizin und Hygiene" (Leipzig, 1904-1905), „Internationales Archiv für Schulhygiene" bzw. „Archives internationales d'hygiène scolaire" (Leipzig, 1905-1914) u.a.


Gisela Boeck

Georg Dragendorff (1836-1898) und die Hygieniker-Schule in Dorpat

Dragendorff, 1836 in Rostock geboren, absolvierte von 1853 bis 1856 eine Apothekerlehre im Heimatort. Praxisjahren in Rostock und Bad Doberan schloss sich ein zweisemestriges Studium an der Alma Mater Rostochiensis an. Dragendorff promovierte 1861 bei dem Chemiker Franz Schulze (1815-1873) zum Dr. phil. Bereits 1862 übernahm er die Redaktion der „Pharmazeutischen Zeitschrift für Russland" und die Leitung des neu gegründeten Labors für gerichtlich-chemische Untersuchungen in St. Petersburg. 1864 meldete sich Dragendorff zum Magisterexamen in Dorpat an. Zu dieser Zeit wurde der bis dahin durch Carl Claus (1796-1864) besetzte Lehrstuhl für Pharmazie frei. Für diesen wurde Dragendorff ausgewählt, der ihn bis 1894 inne hatte. Danach kehrte er wieder nach Rostock zurück, wo er 1898 verstarb.
Während der Jahre in Dorpat war Dragendorff wissenschaftlich außerordentlich kreativ und erfolgreich. Dazu mag die Tatsache beigetragen haben, dass er mit Vertretern eng verwandter Gebiete kooperierte. Dragendorff beschäftigte sich mit forensischer Chemie, Pharmakologie, Physiologie und Pathophysiologie, Umweltuntersuchungen, Bakteriologie, Pharmakognosie und Lebensmittelchemie. Viele dieser Themen haben einen engen Bezug zu Fragen der Hygiene, die als Lehre von der Verhütung der Krankheiten und der Erhaltung, Förderung und Festigung der Gesundheit als Querschnittswissenschaft verstanden werden kann.
Eine besonders enge Zusammenarbeit entwickelte sich mit Bernhard Körber (1837-1915), der von 1879 Professor der Staatsarzneikunde und Hygiene in Dorpat war. Gegenstand der Untersuchungen waren das Trinkwasser, der Boden und die Luft. Es erfolgten chemische und bakteriologische Untersuchungen, wobei erstere an Arbeiten über die chemische Zusammensetzung der Brunnenwässer von Carl Schmidt (1822-1894) aus den 1860er-Jahren anknüpften. Dragendorff war auch mit den Pharmakologen Rudolf Kobert (1854-1918) und Hans Horst Meyer (1853-1939) wissenschaftlich verbunden, wobei Untersuchungen zu den Alkaloiden und möglichen Vergiftungen im Zusammenhang mit Fragen der Hygiene stehen. Hier seien ebenfalls die Arbeiten über arsenhaltige Tapeten erwähnt.
Es kann festgestellt werden, dass in der zweiten Hälfte des 19. Jahrhunderts die Probleme der Hygiene in Dorpat interdisziplinär bearbeitet wurden, wofür insbesondere Dragendorff ein Netzwerk zwischen den relevanten Wissenschaftsdisziplinen entwickelt hat.


Wolfgang U. Eckart

Die denkwürdigen Reisen des merkwürdigen Hygienikers und Spions Heinrich Zeiss durch das spätrevolutionäre Russland der 1920er Jahre

Der Hygieniker Heinrich Zeiss (1888-1949), zwischen 1937 und 1945 Ordinarius für Hygiene an der Berliner Charité, hat von den frühen 1920er Jahren bis 1932 zunächst als Arzt des Roten Kreuzes, danach in sowjetischen Diensten und zugleich im Auftrag des Auswärtigen Amtes und gefördert durch Mittel der Notgemeinschaft die Sowjetunion bereist und über die Deutsche Botschaft Moskau regelmäßige Berichte über seine Reisen dem Auswärtigen Amt zugeleitet. Seine Reisen bis in die vorderasiatischen Sowjetrepubliken dienten medizinischen, kulturpolitischen und kundschafterischen Zwecken. In seinen Berichten spiegelt sich sowohl eine junge Sowjetunion im Aufbruch als auch die geomedizinische und geopolitische Perspektive des Hygienikers auf eine neue Großmacht im Osten, die das aufmerksame Interesse der Weimarer Republik weckte.


Björn M. Felder

Temperenz, Hygiene und Porto-Eugenik. Die Debatten um die „Gesundung" Russlands im späten Zarenreich 1890-1917

Die Hygiene war eine zentrale Disziplin der medizinischen Revolution im Zeitalter der europäischen Modernisierung des 19. Jahrhunderts. Sie war Teil der neuen Wohlfahrts- und Gesundheitsparadigmen, die in dieser Phase Eingang in biomedizinische, politische und gesellschaftliche Debatten fanden. In Russland verzögerte sich die medizinische Professionalisierung und erfolgte erst am Vorabend des Ersten Weltkrieges. Es war die ideologisierte Zemstvo-Medizin, die stark durch Populisten und Slawophile beeinflusst war, die sich den sozialmedizinischen und sozialreformerischen Paradigmen verschrieben hatte und sich gegen den Staat als gesundheitspolitischen Akteur wandte. Laut John Hutchinson verlor die Zemstvo-Medizin erst nach der Revolution von 1905 an Bedeutung. Tatsächlich zeigt sich in der Phase zwischen der Jahrhundertwende und dem Krieg ein Wandel von einer „idealistischen" Medizin, die romantisch-elitäre Vorstellungen vom „Volk" hatte und die „Volksgesundheit" in erster Linie durch politische Reformen bzw. eine Revolution erreichen wollte, hin zu einer szientistischen und modernistischen Wissenschaft, die sowohl medizinische als auch soziale Probleme „wissenschaftlich" und mithilfe des Staates lösen und den Anschluss an die „westliche" Debatte finden wollte. Tatsächlich finden sich weit vor dieser Zeit „moderne" bzw. modernistische Ansätze auch bei russischen Biomedizinern, etwa in den Arbeiten von Il'ja Mečnikov. Der Beitrag will anhand verschiedener Beispiele den Prozess der Verwissenschaftlichung der russischen Biomedizin unter modernistischen Vorzeichen darstellen. Im Bereich Temperenz/Venerologie/Kriminalbiologie zeigt das Beispiel des St. Petersburger Arztes Veniamin Tarnovskij den ersten Modellversuch einer „wissenschaftlich" fundierten Sozialpathologie in Bezug auf die Vererbungslehre und die Degenerations-Theorie des italienischen Psychiaters Cesare Lombroso.
Das zweite Beispiel ist der St. Petersburger Hygieniker Nikolaj Gamaleja. Dieser arbeitete als Dozent an der Militärmedizinischen Akademie in St. Petersburg und der Universität Dorpat/Jur'ev. Zudem betrieb er in der russischen Hauptstadt sein privates Hygiene-Institut. Von 1910 bis 1913 gab er in St. Petersburg die Zeitschrift „Gigiena i Sanitarja" heraus. Gamaleja war zweifellos der Vertreter einer neuen modernistischen Wissenschaft. So arbeite er etwa mit Gregorij Rein zusammen, der am Vorabend des Krieges mit der Gründung einer staatlichen Gesundheitsbehörde bzw. eines Gesundheitsministeriums befasst war. Gamaleja verfolgte das Ziel einer „Gesellschaftshygiene" unter modernistischen Vorzeichen, deren Konzept in seiner Zeitschrift dargelegt wurde. Hierzu gehörte vor allem die Bekämpfung der „Degeneration", wozu er etwa die Einführung der Rassenhygiene in Russland vorschlug. Die Beispiele sollen einen Einblick in den biomedizinischen Paradigmenwechsel geben, der Russland kurz vor Kriegsausbruch erfasste und auch die Biomedizin und Gesundheitspolitik in der frühen Sowjetunion bestimmen sollte.


Marta Fischer

Der Hygieniker Viktor Aleksandrovič Levašev (1864-1916).
Zum Gedenken an seinen 150. Geburtstag

Der Hygieniker Levašev absolvierte ein Studium der Naturwissenschaften und der Medizin in Russland und bildete sich in einem zweijährigen Studienaufenthalt in Deutschland weiter. Nach Abschluss der St. Petersburger Militärmedizinischen Akademie (MMA) und der Promotion 1895 wurde er in Vorbereitung auf eine Professorenlaufbahn zur Weiterbildung zu Carl Flügge (1847-1923), Hans Buchner (1850-1902) und Max Rubner (1854-1932) nach Deutschland geschickt. 1897 kehrte er nach St. Petersburg zurück, wurde Privatdozent am Lehrstuhl für Hygiene, Assistent am Hygienischen Institut und 1909-1916 Professor und Lehrstuhlleiter an der MMA. Ab 1900 übernahm er auch die Leitung der Desinfektionsstation am Städtischen S. P. Botkin-Baracken-Krankenhaus.
Desinfektion und Kommunalhygiene gehörten während Levaševs Ordinariats zu seinem Hauptforschungsgegenstand. Unter seiner Leitung wurden allein zu diesen Themen 16 Dissertationen angefertigt. Von Levašev wurden mehrere neue Desinfektionsmethoden und 1904 ein Organisationssystem für den Desinfektionsdienst in den Städten Russlands erarbeitet. Er trug wesentlich zur Erweiterung und Vertiefung des Hygienefachs in der Lehre an der MMA bei.
Wiederholt vertrat Levašev die MMA bzw. die Russische Gesellschaft für Volksgesundheitsschutz auf internationalen Tagungen und Kongressen. So reiste er z.B. 1907 als Vertreter der Gesellschaft zum 14. Internationalen Kongress für Hygiene und Demographie vom 23.-29. September nach Berlin. Im Auftrag der Gesellschaft beteiligte er sich dreimal bei Hygieneausstellungen an der Organisation der hygienischen Abteilungen, darunter 1893 und 1913 in St. Petersburg und auf der Internationalen Hygiene-Ausstellung 1911 in Dresden.


Lutz Häfner

„Mit Blick auf die Erhaltung der Volksgesundheit ...".
Lebensmittelkonsum, -falsifikation und -hygiene, Verbraucherschutz und Gesetzgebung im Zarenreich und Westeuropa vor dem Ersten Weltkrieg

Die Volksgesundheit stand in einem unmittelbaren Zusammenhang mit dem alltäglichen Verzehr von Lebensmitteln. Im Deutschen Reich betrugen die Ausgaben für Ernährung in Arbeiterfamilien Mitte des 19. Jahrhunderts etwa 70, zur Jahrhundertwende ca. 60 und am Vorabend des Ersten Weltkriegs knapp 55% des Lohns und lagen damit auf einem ähnlichen Niveau wie in den Hauptstädten des Zarenreichs. Lebens(mittel)qualität hatte ihren Preis und Armut war in der Regel ein das Leben verkürzender Faktor: Wer nicht in einem der renommierten Geschäfte im Stadtzentrum, sondern auf dem Markt, an einem Stand an der städtischen Peripherie oder bei fliegenden Händlern vor den Fabriktoren einkaufte, lief große Gefahr, minderwertige oder verdorbene Waren zu erwerben, weil die hygienischen Bedingungen und die Produktqualität zu wünschen übrig ließen.
Gerade der massenhafte Konsum und die damit verbundene Gewinnspanne machten Lebensmittel so empfänglich für Manipulationen. Und dies galt keineswegs nur für Produkte des Luxuskonsums wie z. B. Wein, Kaviar oder auch Butter. Vielmehr gab es nahezu kein Lebensmittel, das vor Fälschung sicher war. Betroffen waren Kaffee, Tee, Bier, Wodka, kvas, Mehl, Milch, Honig, Konfekt, Konserven, Fleisch- und Wurstwaren. Sie alle waren nicht selten verunreinigt, wiesen illegale Beimischungen, partiell auch hochgiftige Substanzen auf, oder waren einfach nur verdorben. Es gab auch einfachere Möglichkeiten, den Kunden zu übervorteilen. So wiesen in St. Petersburg im Jahre 1913 75% aller untersuchten einfachen Schwarzbrote einen zu hohen Wasseranteil auf, waren also nicht richtig abgebacken und deshalb schwer. Nach Angaben des hauptstädtischen Labors erwiesen sich zu dieser Zeit 11,54% der analysierten Lebensmittel als verfälscht, 20% als qualitativ minderwertig.
Folgt man einer allgemeinen zeitgenössischen Definition von Verfälschung, kann darunter jede künstliche Veränderung eines natürlichen Produktes durch Entzug oder Hinzugabe von Inhaltsstoffen verstanden werden. Die aus dieser Definition resultierenden Unwägbarkeiten sind offensichtlich: Ist entrahmte Milch eine „verfälschtes" Produkt, wie viel Wasser darf Brot enthalten, welche Konservierungsstoffe dürfen verwendet werden und in welchem Umfang? Daraus ergibt sich, dass die Definition des sog. Normalproduktes und der Grenzwerte der Inhaltsstoffe eine zentrale Rolle spielen. Um Verfälschungen nachzuweisen, waren die Definition eines „Normalproduktes", die Festlegung von Mindest- und Grenzwerten von Ingredienzien und eine Lebensmittelkontrolle unabdingbar. Ziel war es ähnlich wie beispielsweise auch im Deutschen Reich, die Produkte zu standardisieren respektive zu normieren. Im Zarenreich fehlten aber lange Jahre die rechtlichen Rahmenbedingungen ebenso wie die institutionellen Voraussetzungen, weil der weder über ein Lebensmittelgesetz noch über Laboratorien verfügte, die Lebensmittelfälschungen nachweisen konnten.
Der Vortrag beabsichtigt zu zeigen, wie intensiv das Zarenreich europäisches Lebensmittelrecht rezipierte und wie es sich in den internationalen Diskurs über Volksgesundheit, Verbraucherschutz und Verbrauchergesetzgebung einbrachte. Wichtig ist, dass das Zarenreich im Verbund mit den europäischen Staaten bestrebt war, die Inhaltsstoffe einen breiten Produktpalette verbindlich zu definieren. Diese Standardisierungen waren die Voraussetzung, Manipulationen zu ahnden. Nicht nur im Lebensmittelrecht, sondern auf vielen wissenschaftlichen Gebieten war das Zarenreich auf bestem Weg, seine „Rückständigkeit" zu minimieren. Ein Blick in die einschlägigen medizinischen und sonstigen naturwissenschaftlichen Organe zeigt, wie nah die russischen Experten am Puls der Zeit waren, wie eng sich der wissenschaftliche Austausch gestaltete, der nicht als Transfer zu denken ist, sondern auf Reziprozität basierte.


Felix Heinert

Von Schlachthäusern und anderen Zwängen:
Wissenszirkulationen und lokale Aushandlungen in der zweiten Hälfte des „langen" 19. Jahrhunderts am Beispiel des Rigaer Fleisch- und Viehmarktes

Städtische Schlachthäuser waren um 1900 nicht nur im Kaiserreich und im Russländischen Reich Orte, an denen wissenschaftliche Ansprüche sowie obrigkeitliche Kompetenzen neu vermessen und ausgehandelt wurden. Diese Wissensbestände und Politiken schöpften aus bemerkenswert ähnlichen Argumentationsmustern sowie aufeinander bezogenen Zitationssystemen und Referenzzusammenhängen. Auch in Riga wie in Deutschland und andernorts reisten Experten im Auftrage der Stadtverwaltungen und anderer Organe durch Europa, um Erfahrungen und Planungen abzugleichen, wenn es darum ging, kommunale Schlachthäuser zu gründen und Vieh- und Fleischmärkte neu zu ordnen.
Die Geschichte, die ich fallstudienartig erzählen werde, ist zum einen eine Geschichte des wissenschaftlichen und - noch allgemeiner - des Wissensaustausches einerseits sowie der lokalen Aushandlungen dieser Wissensbestände andererseits. Diese Wissenszirkulationen dienen mir als Folie für mein Argument. Zugleich will ich das teleologische Fortschrittsnarrativ in Frage stellen, in dem die Ausbreitung wissenschaftlicher Erkenntnis und Paradigmata als ein vermeintlicher Siegeszug der Objektivität, der Unparteilichkeit und der Vernunft unkritisch gezeichnet wird oder jedenfalls als ein Konflikt, in dem die entsprechenden Fronten klar markierbar sind: auf der einen Seite die vermeintlich vernunftgeleitete wissenschaftliche Expertise und auf der anderen die ihr feindselig gesinnten „Hinterwäldler". Mir geht es stattdessen darum, die Verschränkung wissenschaftlicher Postulate mit - und ihre Vereinnahmung von - handfesten partikularen Interessen, (kommunal-)politischen Machtansprüchen und zivilisierungsmissionarischen Rhetoriken deutlich zu machen. Dies werde ich am Beispiel lokaler Aushandlungen grenzüberschreitender Wissenszirkulationen diskutieren, indem ich einige Aspekte der Planungen und Maßnahmen zur Neuordnung des Rigaer Fleisch- und Viehmarktes um 1900 skizzenhaft nachzeichne.


Oxana Kosenko

Lev Aleksandrovič Tarasevič (1868-1927) als Hygieniker, Aufklärer und Organisator der Wissenschaft

Tarasevič, geb. 1868, absolvierte 1891 die naturwissenschaftliche Fakultät der Novorossijskij Universität in Odessa und studierte danach an der Militärmedizinischen Akademie St. Petersburg sowie an der Universität von Paris. 1899 wurde er Assistent des Prosektors am Lehrstuhl für allgemeine Pathologie an der Universität Odessa. 1900 reiste Tarasevič nach Paris, wo er bei Il'ja Mečnikov am Institut Pasteur arbeitete. Nach seiner Heimkehr im Jahr 1902 war er an demselben Lehrstuhl zuerst als Prosektor und nach seiner Promotion als Privatdozent tätig. Als Vladimir Podvysockij, Inhaber des Lehrstuhls für allgemeine Pathologie, und Grigorij Chlopin, Leiter des Hygiene-Lehrstuhls, an die anderen Hochschulen wechselten, übernahm Tarasevič die Vorlesungen zur allgemeinen Pathologie und Hygiene. 1907 zog Tarasevič nach Moskau um. Er wurde zum Professor am Lehrstuhl für Bakteriologie der Moskauer Höheren Frauenkurse ernannt. Gleichzeitig war Tarasevič als Privatdozent an der Moskauer Universität tätig. Aus Protest gegen die Anordnungen des Bildungsministers Lev Kasso legte Tarasevič 1911 seine Privatdozentur nieder. Danach lehrte er an der Šanjavskij-Universität in Moskau. Während des Ersten Weltkrieges war Tarasevič als Hauptfeldinspekteur der Armee tätig und organisierte die Impfung gegen Bauchtyphus und Cholera. Nach der Oktoberrevolution initiierte er die Organisation des Staatsinstituts für Serumprüfung und Serumgewinnung. 1920 bis zu seinem Tod im Jahr 1927 leitete Tarasevič das Staatsinstitut des Volksgesundheitswesens.
Tarasevič war ein Immunologe, Bakteriologe, Epidemiologe und wie ihn Ludwig Aschoff bezeichnete - „führender Hygieniker Russlands". Als Hygieniker beschäftigte sich Tarasevič allerdings nicht nur mit der wissenschaftlichen und pädagogischen Tätigkeit. Seine soziale Tätigkeit, die er seinem Volke widmete, besaß in den Augen seiner zeitgenössischen Kollegen „einen bedeutend höheren Wert, als die Leistungen vieler Gelehrten, die zu gleicher Zeit hinter Kolben und Reagenzgläsern standen". Überdies galt der Name von Tarasevič als Synonym der internationalen Beziehungen Russlands. Er war bekannt mit mehreren führenden ausländischen Immunologen, Bakteriologen, Hygienikern und Wissenschaftlern aus benachbarten Disziplinen. Oft besuchte er Ausland, um dort die Forschungsarbeit durchzuführen oder die Erfahrung zu sammeln. Viele ausländische Entdeckungen auf dem Gebiet des Impfungswesens und der Hygiene übertrug Tarasevič auf Russland. Im Vortrag soll die vielseitige Tätigkeit Tarasevič' für die Gesundung Russlands hinsichtlich seiner internationalen Erfahrung thematisiert werden.


Sergey M. Kuznetsov

Das Problem der Luftqualität in Wohnräumen.
Der Beitrag zu dessen Lösung von deutschen und russischen Hygienikern im 19. Jahrhundert (Max von Pettenkofer und Aleksej Petrovič Dobroslavin)

Im Mittelpunkt des Vortrags steht das Problem der Luftqualität in geschlossenen Räumen. Der Gesundheitszustand der Menschen ist von den Luftverhältnissen in Räumen, in denen sie wohnen und arbeiten, in hohem Maße abhängig. Mit der Lufthygiene begann man sich jedoch erst in der zweiten Hälfte des 19. Jahrhunderts eingehend zu beschäftigen. Der erste bedeutende Schritt wurde vom Münchner Hygieniker Max Pettenkofer gemacht. Als Kriterium für die Qualität der Luft in geschlossenen Räumen hat er auf Grund seiner experimentellen Untersuchungen die Konzentration des Kohlendioxids vorgeschlagen. Der Grenzwert für lufthygienisch unbedenkliche CO2-Konzentration wurde nach ihm als „Pettenkofer-Zahl" benannt.
Aleksej Petrovič Dobroslavin, Absolvent der Kaiserlichen Medizinisch-Chirurgischen Akademie in St. Petersburg, hatte ein Weiterbildungsstipendium für Deutschland von 1869 bis 1871 bekommen. In dieser Zeit widmete er sich vorwiegend den Arbeiten auf dem Gebiet der Hygiene und hielt sich bei Pettenkofer in München auf, so dass man ihn mit vollem Recht als dessen Schüler bezeichnen kann. Zurückgekehrt nach Russland, setzte Dobroslavin in seinen Arbeiten die Ideen von Pettenkofer fort. Was die Lufthygiene betrifft, kam Dobroslavin zu ähnlichen Resultaten wie Pettenkofer; auch er erklärte die CO2-Werte als ein wichtiges Kriterium der Lufthygiene. Schwerpunkt der Untersuchungen von Dobroslavin bildeten unter anderem die Kasernen des russischen Militärs. Die Ergebnisse seiner experimentellen Untersuchungen haben ihn zur folgenden Aussage geführt: „Es ist nicht verwunderlich, dass die Sterblichkeit in der Armee auch in den Zeiten des Friedens doppelt so hoch wie bei der zivilen Bevölkerung desselben Alters ist". Die Luftqualität in den Kasernen war sehr schlecht. Von 1871 bis 1889 hatte Dobroslavin die Professur für Hygiene an der Medizinisch-Chirurgischen Akademie in St. Petersburg inne (1881 in Militär-Medizinische Akademie umbenannt). Das war die erste Professur für Hygiene in Russland. Der Lehrstuhl für Hygiene in St. Petersburg wurde am 12. April 1865 gegründet, im selben Jahr wie die Professur für Hygiene an der Universität München. Diese erste Professur für Hygiene in Deutschland hatte Pettenkofer inne.


Wolfgang Otto

Vernetzte Hygiene.
Recherchearbeiten in der Personendatenbank des Projekts Deutsch-russische Wissenschaftsbeziehungen im 19. Jahrhundert

In den letzten zehn Monaten hat die Projektgruppe „Wissenschaftsbeziehungen im 19. Jahrhundert zwischen Deutschland und Russland auf den Gebeten Chemie, Pharmazie und Medizin" der Sächsischen Akademie der Wissenschaften in Zusammenarbeit mit einer Gruppe von Informatikstudenten im Rahmen des Moduls „Softwaretechnik Praktikum" des Bachelor Studiengangs Informatik an der Universität Leipzig eine neue Plattform für eine bestehende Online-Personendatenbank der Projektgruppe entwickelt.
In der Personendatenbank werden Lebensläufe und bibliographische Angaben von Wissenschaftlern gesammelt und übersichtlich dargestellt. Mittlerweile sind über 1600 Personen in der Datenbank aufgeführt, davon 240 mit ausführlichen Datensätzen.
Die Innovation der entstandenen Plattform ist es, diese Daten in semantischer Form zu speichern. Das Schlagwort ist: Semantic Web. Hierbei handelt es sich um eine Erweiterung des World Wide Web mit dem Ziel, Inhalte so aufzubereiten, dass Computer enthaltene Bedeutung interpretieren können. Dies führt auf der einen Seite zu einer besseren Möglichkeit, Datenbestände mit Suchalgorithmen zu erschließen, auf der anderen Seite kann die Technik dazu genutzt werden, verschiedene Angebote zu vernetzen. An diesem Punkt wird die Bedeutung für das konkrete Themengebiet der Forschung der Projektgruppe deutlich.
In den letzten Jahren gibt es konkrete Umsetzungen, Datenbestände in semantischer Form darzustellen. Als Beispiele sind hier die Deutsche National Bibliothek mit der Gemeinsamen Normdatenbank und in Zusammenhang damit die Neue Deutsche Biographie zu nennen. Auch themenbezogene Datenbestände, wie der Professorenkatalog der Universität Leipzig „Catalogus professorum lipsiensium", bauen auf der selben Technik auf. Und nicht zuletzt ist das Bestreben anzuführen, Daten von Wikipedia semantisch aufzubereiten und so einfache Schnittstellen zu bieten, die zum Beispiel von themengebundenen Forschungsprojekten leicht zu nutzen sind. Dieses Projekt heißt DBpedia.
Der Vortrag wird in einem Dreischritt den Weg von den theoretischen Grundlagen zur Praxis anhand der Datenbank der Projektgruppe beschreiten:
Zum Einstieg werden die technischen Grundlagen anschaulich erläutert. Und einige wichtige Grundbegriffe geklärt.
Aktuelle Beispiele anderer Semantischer Onlinedatenbanken von Bio- und Bibliographischen Daten werden darauf folgend kurz vorgestellt und das Potential der Vernetzung dieser Angebote aufgezeigt.
Im dritten Teil wird dann eine praktische Einführung in die Datenbank der Projektgruppe geboten. Hier werden anhand einer konkreten Recherche aus dem Themengebiet der Hygiene in der Datenbank ihre praktischen Funktionsweisen erläutert und das Potential semantischer Datenspeicherung erklärt.


Hans-Christian Petersen

Eine Frage der Hygiene?
Die Neuordnung der Märkte St. Petersburgs im ausgehenden Zarenreich

Hygienebestrebungen zählen: städtischen Märkten. Auch in der russischen Hauptstadt St. Petersburg waren die Marktplätze der Stadt immer wieder Gegenstand hygienepolitischer Debatten, vor allem, aber keineswegs ausschließlich der im Zentrum der Stadt gelegene Heumarkt. Ab der Mitte des 19. Jahrhunderts gab es dann eine ganze Reihe von Initiativen, die auf einen Umbau und eine Neustrukturierung der bestehenden Märkte abzielten.
Der Vortrag wird die Frage thematisieren, welche Rolle Hygieneargumente in diesen Planungen spielten und welche weiteren Motive handlungsleitend waren. Am Beispiel der nicht-stationären, ‚fliegenden‘ Händler soll gezeigt werden, dass der Diskurs über „Hygiene" Teil einer grundlegenden ‚Ordnung‘ des öffentlichen Raums war und dass nur in der Gesamtschau deutlich wird, welche Relevanz er besaß.


Regine Pfrepper; Gerd Pfrepper

Die russischen Wissenschaftsbeziehungen des Nobelpreisträgers Robert Koch (1843-1910)

In der zweiten Hälfte des 19. Jahrhunderts wurde die öffentliche Hygiene durch die Industrialisierung und die entstehenden Großstädte zur Notwendigkeit. In der vorliegenden Arbeit werden die Beziehungen des Bakteriologen und Nobelpreisträgers Robert Koch (1843-1910) zu Russland und zu russischen Medizinern im Detail untersucht.
Koch war von 1885 bis 1891 der erste Lehrstuhlleiter für Hygiene an der Universität Berlin. Er führte ein System von Kursen ein, um die neuesten hygienischen Erkenntnisse einer großen Masse von Ärzten zugänglich zu machen. Die von Koch organisierten bakteriologischen Kurse wurden von Medizinern aus der ganzen Welt besucht. 31 russische Professoren und praktischen Ärzte nahmen im Zeitraum von 1885 bis 1890 an den bakteriologischen Kursen in Berlin teil, wie die im Archiv der Humboldt-Universität Berlin erhaltenen Kurslisten beweisen. Drei Reiseberichte von russischen Medizinern werden erstmals auszugsweise dem deutschen Leser zugänglich gemacht.
Koch gründete 1886 mit seinem Studienfreund Carl Flügge (1847-1923) die Zeitschrift für Hygiene, in der auch Arbeiten seiner russischen Schüler veröffentlicht wurden.
Abschließend wird kurz auf das Verhältnis der beiden Nobelpreisträger Koch und Il'ja Il'ič Mečnikov (1845-1916) eingegangen.


Ortrun Riha

Kontagiosität als Politikum.
Die Publikationen Karl Ernst von Baers in der Cholera-Zeitung (1831)

Die große Cholera-Pandemie von 1831 fällt in eine Zeit, in der über die Übertragungswege ansteckender Krankheiten nur Spekulationen möglich waren, und diese Überlegungen waren letztlich über die schon in der Antike geläufigen Modelle von Kontagium und Miasma nicht weit hinaus gekommen. Dennoch musste der Staat reagieren und entschlossenes Handeln zeigen, schon um Panik in der Bevölkerung zu vermeiden. Die in die Wege geleiteten hygienischen Strategien setzten auf Abschottung der einzelnen Regionen und auf Kontaktvermeidung der Menschen untereinander. Da es dafür aber keine wissenschaftliche Grundlage gab, wurden diese Einschränkungen als Mittel politischer Unterdrückung betrachtet, was wiederum mancherorts zu teilweise aufruhrähnlichen Tumulten führte.
Karl Ernst von Baer (1792-1876) lebte und arbeitete zur Zeit der Epidemie in Königsberg. Als ausgewiesener Naturforscher an der Medizinischen Fakultät besaß er Ansehen und Autorität in medizinischen Fragen. Dies nutzte er, um in der ‚Cholera-Zeitung', einem neu ins Leben gerufenen Publikationsorgan für die Verbreitung von epidemie-bezogenen Informationen aller Art, entschieden gegen die Kontagiositäts-Theorie aufzutreten, vor der politischen Funktionalisierung restriktiver Maßnahmen zu warnen und nach Möglichkeit beruhigend auf seine Mitbürger hinsichtlich der Gefährlichkeit einzuwirken. Gleichzeitig machte er sich unter dem Pseudonym „Moutarde" (Senf) über die Sinnlosigkeit der Maßnahmen lustig.
Der Vortrag vergleicht die beiden Gesichter Baers, die in diesen kleinen Texten erkennbar werden, hinsichtlich Argumenten und Stilmitteln und beleuchtet die wenig bekannte ironische Seite des großen Universalgelehrten, der trotz hohen Erkrankungsrisikos seinen Humor behielt.


Elena Roussanova

Russland auf den Internationalen Hygiene-Ausstellungen

Während der zweiten Hälfte des 19. Jahrhunderts zeichnete sich in der Wissenschaft eine deutliche Differenzierung und Spezialisierung innerhalb der einzelnen Disziplinen ab. In der Gesellschaft spielte der aufkommende Nationalismus zunehmend eine immer bedeutender werdende Rolle, was zur Steigerung des Selbstbewusstseins der einzelnen Nationen führte. Das damit einhergehende wachsende Geltungsbedürfnis legte es mehr und mehr nahe, sich international, d. h. im Vergleich zu anderen Ländern, zu präsentieren sowohl im Hinblick auf die wirtschaftlichen als auch auf die wissenschaftlichen Erfolge. Russland bildete hier keine Ausnahme.
Das Fach Hygiene befand sich zu dieser Zeit in einer Phase der Neuausrichtung und wurde daher von den neuen Tendenzen in besonderem Maße beeinflusst. Die Hygiene als Wissenschaft suchte sich neu zu definieren und zu präsentieren; vor allem wollte man auch gemeinverständlich sein und sich als nützlich für die Gesellschaft darstellen. In der Folgezeit wurden zahlreiche nationale und internationale Hygienemessen, Kongresse und Ausstellungen zur Gesundheitspflege und Gesundheitstechnik europaweit organisiert. Ein bahnbrechender Erfolg war dem Fach Hygiene auf der Internationalen Ausstellung in Brüssel im Jahre 1876 beschieden, sowohl was die Präsentation als auch was die Diskussionen anlässlich des die Ausstellung begleitenden Kongresses zur Gesundheitspflege und zum Rettungswesen betraf. Einen Höhepunkt erreichte diese Entwicklung im Jahre 1911, als die Internationale Hygiene-Ausstellung in Dresden stattfand.
Russland war auf beiden hier genannten Ausstellungen durch zahlreiche eigene Exponate vertreten. Sowohl russische Wissenschaftler und Fachkräfte, als auch russische staatliche Delegationen und zahlreiche Besucher aus Russland trugen zu dem Erfolg beider Ausstellungen ganz wesentlich bei. Im Vortrag sollen einerseits speziell die für die Selbstdarstellung des Faches Hygiene wichtigen Aspekte andererseits aber auch der deutsch-russische Dialog und Gedankenaustausch auf diesem Gebiete vorgestellt werden.


Daria Sambuk

Das Motiv der Verantwortung in der zarischen Medizinalpolitik des späten 18. und frühen 19. Jahrhunderts

In der zweiten Hälfte des 18. Jahrhunderts wurde von der zarischen Staatsgewalt eine neue Medizinalpolitik formuliert, die das Medizinalwesen des Russischen Reiches bis zur Mitte des 19. Jahrhunderts prägen sollte. Diese Politik trug einerseits dem Anspruch einer auf Disziplinierung und Kontrolle ausgerichteten Staatsgewalt Rechnung. Gleichzeitig hielt ein neues Prinzip der Verantwortung Einzug in die Politik, das sich auf drei Ebenen feststellen lässt:
1. Staat: Die Verantwortung des Monarchen für seine Untertanen umfasste seit dem 18. Jahrhundert auch die Sorge um deren Glückseligkeit. Zu den unabdingbaren Voraussetzungen der Glückseligkeit gehörte unter anderem das leibliche Wohl. Diese Entwicklung ging mit der Entdeckung der Gesundheit der Untertanen als wesentliche Bedingung für Prosperität des Landes einher. Die neue Medizinalpolitik strebte die Schaffung einer staatlich kontrollierten medizinischen Versorgung für die Zivilbevölkerung an, die durch tiefgreifende strukturelle Reformen und die Vermehrung des medizinischen Personals verwirklicht werden sollte. Gleichzeitig war die staatliche Ebene dafür zuständig, Bedingungen zu schaffen, die der Gesundheit der Untertanen zuträglich waren, und ihre Einhaltung zu propagieren. Der Hygienediskurs trug um die Jahrhundertwende zwar noch nicht diesen Namen, Prinzipien der Diätetik waren jedoch leitend für die staatliche Medizinalpolitik.
2. Gesellschaft(en): Im Russischen Reich fehlten für die Umsetzung der staatlichen Medizinalpolitik in den 1760er Jahren jegliche Verwaltungsstrukturen. Auch existierten kaum private oder kirchliche Einrichtungen der Krankenpflege, die in das staatliche Medikalisierungsprojekt hätten einbezogen werden können. Um diesen Problemen und dem Mangel an Beamten Abhilfe zu schaffen, sollte die lokale Bevölkerung auch im Bereich der medizinischen Versorgung in die Pflicht genommen werden. An die unterschiedlichen sozialen Gruppen wurden seitens der Staatsgewalt unterschiedliche Rollen herangetragen: So sollte die Gründung der Ämter für gesellschaftliche Fürsorge auf Gouvernementsebene zahlungskräftige Provinzeinwohner zur Finanzierung medizinischer Einrichtungen bewegen; städtische Selbstverwaltungsorgane waren seit dem ausgehenden 18. Jahrhundert für den Unterhalt von Krankenhäusern zuständig; Vertreter lokaler Eliten waren mit der Organisation des Seuchenschutzes beauftragt; die Verbreitung der Pockenschutzimpfung bot zahlreiche Möglichkeiten für individuelles und gesellschaftliches Engagement. Akteure auf lokaler Ebene reagierten auf die staatlichen Rollenangebote, indem sie diese dem eigenen Selbstverständnis anpassten und somit die Verteilung von Verantwortung aushandelten.
Individuum: Die Staatsgewalt übertrug nicht nur einzelnen sozialen Gruppen die Verantwortung im Bereich der Medizinalpolitik, sondern bemühte sich seit der Mitte des 18. Jahrhunderts verstärkt auch um medizinische Aufklärung. Die Untertanen sollten zu einer im Sinne der Diätetik als lebensverlängernd geltenden Lebensweise auf der einen und zur Akzeptanz der staatlichen medizinischen Einrichtungen sowie der Vertreter akademischer Medizin auf der anderen Seite erzogen werden. Ein wichtiges Motiv war dabei die individuelle Verantwortung sowohl für die eigene Gesundheit als auch für die der Familienangehörigen. Mit Hilfe von Periodika, medizinischen Ratgebern und diversen Propagandamaterialien sollten die Untertanen zum staatlicherseits gewünschten Gesundheits- und Krankheitsverhalten erzogen werden.


Angelika Strobel

Die Zirkulation von Wissen und Dingen:
mobile Hygieneausstellungen in Russland im frühen 20. Jahrhundert

Zwischen den Revolutionen von 1905 und 1917 setzten Ärzte und Ärztinnen in der Zemstvo- und Eisenbahnmedizin auf technokratische Programme für die „Gesundung Russlands". In den Jahren zwischen 1910 und 1914 organisierten sie zahlreiche mobile Ausstellungen, Lichtbild- und Filmvorträge zur hygienischen Aufklärung der Unterschichten, die sie als „allerletzte Evolution im Bereich der Präventivmedizin" feierten. Diese neuen Präventionspraktiken verfolgten einen rationalistischen, wissenschaftlich-praktischen Ansatz, der verstärkt das individuelle Verhalten für die Verbesserung der kollektiven Verhältnisse in den Blick nahm. Ärzte und Ärztinnen publizierten in den medizinischen Chroniken der Gouvernementszemstva oder dem Organ der Pirogovgesellschaft zahlreiche Berichte über die neuen Praktiken der Hygienepropaganda.
Diese Texte berichten einerseits über ein von offizieller Seite unterstütztes und finanziertes Unternehmen. Mit Daten zu Besuchszahlen, der Präsentation des Budgets und der Ausgaben, der detaillierten Information von der Initiative bis zur administrativen Bewilligung und zu Organisation und Durchführung der Unternehmungen legen die Texte vor den Zemstvoinstitutionen und den Eisenbahnverwaltungen Rechenschaft ab. Andererseits sind die Berichte selbst Propagandatexte: sie präsentieren eine Erfolgsgeschichte der neuen Präventionspraktiken und versuchen damit, zuständige Ämter, eine ärztliche community, wie überhaupt eine gebildete Öffentlichkeit für eine systematische Gesundheitsaufklärung zu mobilisieren. Zugleich sind die Berichte auch Ausdruck und Mittel einer Professionalisierung der Hygienepropaganda, welche die Sanitätsärzte und -ärztinnen als neue präventivmedizinische Experten vorantreiben. Jede Ausstellung, jeder Kurs und jeder Vortrag erscheint in den Texten als empirischer Fall, den sie in einem professionellen Habitus aufzeichnen, analysieren und theoretisieren. Sie stellen ihr gesammeltes know how über Organisation, Inhalt und Durchführung des Aufklärungsunternehmens einer Allgemeinheit zur Verfügung. In dieser Lesart sind die Texte detaillierte Handlungsanleitungen. Gleichzeitig nehmen Ärzte und Ärztinnen durch die Evaluation der verschiedenen Propagandamethoden selbst, von Kursprogrammen, Exponaten und Fragen der Vermittlung als wissenschaftliche Experten an aktuellen Debatten über Wissenspopularisierung, Didaktik und Expertenautorität teil. Bestandteil ihres technokratischen Programms sind auch die Bemühungen, die Effizienz der neuen Präventionsmethoden zu messen und durch empirische Daten transparent zu machen. Diese sollten im Gegensatz zu den eigenen, „subjektiven" Beobachtungen quantifizier- und klassifizierbare Daten liefern, um eine soziale Wirklichkeit „objektiv" zu erfassen. So nehmen Ärzte und Ärztinnen in ihren Berichten auch an der Beschreibung und Konzeption des Sozialen teil. Berichte, Artikel, aber auch die von den ärztlich-sanitären Räten publizierten Sitzungsprotokolle geben also nicht nur Auskunft über das Wissen, das unter Ärzten, Ärztinnen oder Verwaltungen zirkulierte, sondern auch wie die Unterschichten auf ihre Popularisierungsmassnahmen reagierten.


Leonid P. Terentev

Die Institutionalisierung der Hygiene in Russland im Austausch mit deutschen Wissenschaftlern

Die Entfaltung der Hygiene zu einer Leitwissenschaft erfolgte in Russland in der zweiten Hälfte des 19. Jahrhunderts. Diese Entwicklung hat insbesondere der Austausch mit deutschen Hygienikern entscheidend geprägt. Bereits Anfang des 19. Jahrhunderts fanden die grundlegenden Ideen auf dem Gebiet der Hygiene den Weg von Deutschland nach Russland. Ein Beispiel hierzu ist Christoph Wilhelm Hufeland (1762-1836) und sein Werk „Die Kunst, das menschliche Leben zu verlängern" (Jena 1797). Hufeland war Auswärtiges Ehrenmitglied der Kaiserlichen Akademie der Wissenschaften zu St. Petersburg. Zu Beginn des 19. Jahrhunderts versuchte Johann Peter Frank (1745-1821), der 1806 bis 1808 die Professur für allgemeine Therapie an der Kaiserlichen Medizinisch-Chirurgischen Akademie in St. Petersburg und fast gleichzeitig ebenda den Rektorenposten innehatte, die Gründung eines Lehrstuhls für Hygiene an der Akademie zu initiieren, was jedoch erfolglos blieb. Zur Etablierung der Hygiene an den wissenschaftlichen Institutionen kam es dennoch in der zweiten Hälfte des 19. Jahrhunderts. Es war drei Schülern des Münchner Hygienikers Max Josef Pettenkofer (1818-1901) vorbehalten, die ersten Lehrstühle für Hygiene in Russland zu besetzen und dieser Fachrichtung zu einem entscheidenden Durchbruch im Lande zu verhelfen. Es waren:
Aleksej Petrovič Dobroslavin (1842-1889), Inhaber der ersten Professur für Hygiene an der Medizinisch-Chirurgischen Akademie in St. Petersburg,
Friedrich Huldreich Erismann (1842-1915), Lehrstuhlinhaber für Hygiene an der Universität Moskau, Gründer eines hygienischen Universitätslaboratoriums und
Viktor Andreevič Subbotin (1844-1898), Lehrstuhlinhaber für Hygiene an der Universität Kiev, Gründer eines hygienischen Laboratoriums.
Alle drei Hygieniker absolvierten eine Weiterbildung im Fach Hygiene bei Pettenkofer an der Universität München.


Kostyantyn K. Vasylyev

Zur Geschichte der deutsch-russischen Beziehungen auf dem Gebiet der Hygiene:
Professor Grigorij Vital'evič Chlopin (1863-1929)

Im Vortrag wird Leben und Tätigkeit eines Begründers der Hygiene im Russischen Kaiserreich, Grigorij Vital'evič Chlopin (1863-1929), verfolgt, der in Folge die Lehrstühle für Hygiene in Jurjew (Dorpat, Tartu, 1896-1903), Odessa (1903-1904) und Sankt Petersburg (Petrograd, Leningrad, seit 1904) leitete und der Begründer einer großen wissenschaftlichen Schule war. Insbesondere werden seine Beziehungen mit Vertretern der Hygiene aus deutschsprachigen Ländern untersucht. Das wird mit neuen Archivmaterialien belegt. Erwähnenswert ist, dass er Schüler des Hygiene-Professors Friedrich Erismann (*1842 Göntenschwil / Kt.Aargau / †1915 Zürich) war, der Medizin in Zürich, Prag und Würzburg studierte und 1867 in Zürich promovierte. In den Jahren 1873-1874 spezialisierte sich F. Erismann auf dem Gebiet der Hygiene bei Max von Pettenkofer (1818-1901), und von 1884 bis 1896 leitete er den Lehrstuhl für Hygiene an der Staatlichen Universität Moskau. Ab 1890 war G. V.Chlopin bereits als Student des dritten Studienjahres der Moskauer Universität im hygienischen Labor bei Prof. Erismann tätig. Nach der Absolvierung der Universität 1893 blieb Chlopin zur Promotion am Lehrstuhl bei F. Erismann. Die Doktordissertation, die er unter seiner Leitung anfertigte, verteidigte er im Jahr 1896. Chlopin pflegte wissenschaftliche und freundschaftliche Beziehungen mit F. Erismann bis an dessen Lebensende.


 
Letzte Änderung: 12.11.2013, 09:17 Uhr
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Karl-Sudhoff-Institut für Geschichte der Medizin und der Naturwissenschaften